Mit Informationen von Herrn Abut Can, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, der den Besuch des Patriarchen vor Ort miterleben durfte.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Afram II. hat die südosttürkische Stadt Tur Abdin besucht, nachdem der letzte Patriarchatenbesuch 43 Jahre zurücklag. Entsprechend wurde der Besuch als starkes Zeichen der Aufmerksamkeit und Aufwertung der Beziehungen zwischen dem Patriarchat und der christlichen Gemeinschaft in Tur Abdin gewertet.

Der Besuch war ursprünglich bereits für 2023 geplant, wobei dann das große Erdbeben in der Türkei die Pläne durchkreuzte und eine Verschiebung des Besuchs zur Folge hatte.

Für das syrisch-orthodoxe Christentum ist Tur Abdin eine bedeutsame Region, in der Kirchen und Klöster aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus liegen. Von den einst etwa 200.000 Christen leben heute noch ca. 2600 Menschen vor Ort. Die meisten Menschen wurden in den 1980er und 1990er Jahren vertrieben, insbesondere nach der Machtergreifung des Militärs unter Führung von Gen. Kenan Evren 1980. Die kemalistische Militärdiktatur unterdrückte insbesondere Minderheiten und führte zu einer großen Fluchtwelle auch von Christen aus ihren angestammten Orten und Regionen. Erst mit der Präsidentschaft von Recep Tayyip Erdoğan besserte sich paradoxerweise die Lage der Christen in der Türkei schrittweise. So wurde beispielsweise von den Behörden bereits beschlagnahmtes christliches Klosterland per Präsidentendekret an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. Auch der jetzige Besuch des Patriarchen fand mit Billigung und Unterstützung der türkischen Regierung und der lokalen Regierungsvertreter statt. Bezeichnend für die neue Haltung gegenüber den Christen in der Region war auch die Verwendung des vollständigen Titels des Patriarchen durch türkische Regierungsvertreter, wie Herr Can im Interview mitteilte.

Mehrere Bischöfe, darunter auch der Bischof von Istanbul, begleiteten den Patriarchen auf seiner Reise in verschiedene noch besiedelte Ortschaften und zu Klöstern und Kirchen. Besonderes Aufsehen erregte das Geschenk des Patriarchen an den Bischof von Tur Abdin, dem er sein eigenes Kreuz überreichte.

Bis zur Gründung der kemalistischen Republik Türkei war das Kloster Deir az-Zafaran bei Mardin in der Türkei von 1160 bis 1932 Sitz des Patriarchen der syrisch-orthodoxen Kirche. Sollte sich die Sicherheitslage in Damaskus weiter verschärfen und die türkische Regierung weiterhin ihren offenen Kurs gegenüber Christen fortführen, so könnte das Patriarchat eventuell in Zukunft auch wieder in die angestammte Heimat zurückkehren. Doch bislang gibt es für diese Vermutung keine offiziellen Verlautbarungen oder Hinweise. Über weitere Entwicklungen hierzu sowie zur Lage in Tur Abdin und Mardin wird der Blog berichten.

Klöster und Kirchen in Tur Abdin. Mit freundlicher Genehmigung von Abut Can (Urheber).
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