Nach seiner ersten viertägigen Station in der Türkei besuchte Papst Leo XIV. den Libanon. Der dreitägige Besuch dort wurde von den Menschen vor Ort, von Christen aber auch Muslimen, mit großer Begeisterung vorbereitet und begleitet. Überall an der Fahrtstrecke des Papstes säumten Menschen und Fahnen (vatikanisch und libanesisch) seine Wege. In der Hauptstadt Beirut hingen zum Teil riesige Plakate mit dem Bild von Leo XIV. von den Häusern. Eine derartige nationale Euphorie hatte es in der Türkei, wo kemalistische und rechtsradikale Nationalisten gegen den Papstbesuch hetzten, nicht gegeben und es wird sie wohl auch in kaum einem anderen Land in dieser Form geben, derer wir nun Zeuge wurden.

Woher rührt die Begeisterung? Sie ist wohl nicht alleine aus dem Umstand erklärbar, dass die maronitischen Christen Teil der katholischen Kirche sind und entsprechend erwartungsvoll den Besuch ihres Kirchenoberhaupts erwartet haben. Nein, auch Angehörige anderer christlicher Kirchen waren vom „Papstfieber“ angesteckt, wie es auch nicht wenige Muslime waren, die den Besuch des „baba“, wie der Papst auf Arabisch heißt, feierten. Die Begeisterung war also nicht nur konfessions- sondern religionsübergreifend.

Rechte: KNA/Vatican Media/Romano Siciliani. Der Papst beim ökumenischen und interreligiösen Treffen in Beirut.

Sogar die schiitisch-libanesische „Partei Gottes“ (Hizbullah) hieß den Papst in einer offiziellen Mitteilung des Parteiführers Naim Qassim sowie mittels eines an die päpstliche Botschaft übergebenen Briefs willkommen und begrüßte seine Reise in den Libanon und sprach ihn in dieser mit „Eure Heiligkeit, der höchste Pontifex der katholischen Kirche der Welt“.

Quelle: Hezbollah message to Pope Leo rejects Israeli aggression, affirms sovereignty and coexistence – Tehran Times

Der Besuch Leo XIV. weckte also sowohl bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen als auch bei den diversen politischen Akteuren des Landes große Erwartungen, unter anderem auch an die Lösung weltlicher Konflikte. Diese große Hoffnung, die fast schon den Charakter einer Erlöserhoffnung einnahm, ist auf folgende Faktoren zurückzuführen, die den Libanon in den letzten Jahren geprägt haben:

  1. Wirtschaftskrise: „Der Libanon befindet sich seit 2019 in einem langanhaltenden wirtschaftlichen Zusammenbruch, der von Hyperinflation, einem zusammengebrochenen Bankensektor und stark steigenden Armutsraten geprägt ist. Das libanesische Pfund hat über 90 % seines Wertes verloren, was die Kaufkraft drastisch verringert und zu weitreichenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten führt. Ein Mangel an Devisenreserven hat die Importe lahmgelegt und zu Mangel an Treibstoff, Medikamenten und Lebensmitteln geführt.“ Libanonische Wirtschaft: BIP, Inflation, VPI & Zinssätze – FocusEconomics
  2. Politische Krise und staatliche Dysfunktion: Die politische Krise im Libanon resultiert vor allem aus einem zutiefst fragmentierten politischen System, das auf konfessioneller Machtteilung basiert und dadurch Reformen blockiert. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich von der politischen Elite nicht vertreten, weil diese oft entlang familiärer oder religiöser Loyalitäten agiert statt im Interesse der Gesamtbevölkerung. Die anhaltende Instabilität wird durch wirtschaftliche Not, Korruption und fehlende staatliche Dienstleistungen weiter verschärft. Dadurch wächst der Druck der Bevölkerung auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen im politischen System.
  3. Latenter Kriegszustand mit Israel: Israel hat bereits diverse Kriege gegen den Libanon geführt und dabei immer wieder große Teile der Infrastruktur und auch des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung zerstört. Zuletzt führte Israel eine militärische Kampagne durch, die sich von 2023 bis 2024 erstreckte und offiziell dem Ziel diente, die Strukturen der Hezbollah zu zerstören. Allerdings gerieten dabei immer wieder auch Zivilisten in das Visier der israelischen Armee und viele Wohngebäude wurden von der israelischen Armee zerstört und Unbeteiligte getötet (ca. 4.000) oder von ihrem Landbesitz vertrieben. Auch christliche Dörfer im Süden wurden dabei Ziel der israelischen Bombardierungen. Containing Domestic Tensions in War-hit Lebanon | International Crisis Group

Die Reise wurde mit einer Messe in Beirut beschlossen, an der 150.000 Menschen teilnahmen.

Wie geht es nun weiter nach dem Besuch? Niemand wird wohl glauben, dass durch einen Besuch die vielen innenpolitischen Probleme des Libanon gelöst oder gar der Konflikt mit Israel beendet werden kann. Aber gerade in Zeiten tiefer Krisen setzte die Visite ein Zeichen der Hoffnung und des Glaubens daran, nicht von der Welt vergessen worden zu sein. Das Schicksal des Libanons und seiner Menschen darf weder Christen noch Muslime gleichgültig sein. Der Libanon ist ein Ursprungsland des Christentums und ein Land der Koexistenz verschiedener Religionen und Konfessionen.

Frieden und Stabilität für den Libanon dürfen nicht nur ein frommer Wunsch sein sondern sie müssen durch eine aktive Friedenspolitik geformt werden. Papst Leo erinnert mit seinem Besuch hieran und teilt der Welt mit, den Libanon nicht zu vergessen sondern den Menschen dort zu im besten christlichen Sinne beizustehen.

Und so ließ sich auch der Papst selbst von der ihm entgegen gebrachten positiven Energie mitreißen und rief der versammelten Jugend zu:

„Lasst die Welt in Hoffnung erblühen“

Beobachter sahen gar die „Entfesselung als Papst“, die durch die Reise ausgelöst wurde, der nun zurückkehre als „Papst, der im Libanon zu einer neuen, kraftvollen Rolle gefunden hat.“ Vgl. https://katholisch.de/artikel/66083-lasst-welt-in-hoffnung-erbluehen-papst-findet-in-libanon-seine-rolle

Für einen Bericht in einem deutschen säkularen Medium zum Papst-Besuch möchte ich noch den folgenden Artikel empfehlen:

https://taz.de/Papstbesuch-im-Libanon/!6134794/

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