Die orthodoxen Kirchen erleben in Deutschland seit einigen Jahren erheblichen Zulauf (Vgl. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/orthodoxe-kirche-darum-waechst-sie-in-deutschland,UWSw05I und https://www.domradio.de/artikel/die-zahl-der-orthodoxen-christen-deutschland-waechst-und-waechst).

    Und so muss man auch nicht ins ferne Ausland fahren, um die orthodoxen Liturgien und Riten selbst erleben zu können. Fast in ganz Deutschland finden sich mittlerweile orthodoxe Gemeinden unterschiedlicher Richtungen.

    Dieses Jahr zu Ostern besuchte ich in Hamburg die Kirche des heiligen Nikolaus (griech. Agios Nikolaos). Das denkmalgeschützte Gebäude wurde ursprünglich 1965/66 als evangelische Simeonkirche erbaut und 2003 von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherische Kirche verkauft.

    IMG_5207
    Bildquelle: https://www.hamm-wir-alles.de/kirchen/kirche-des-heiligen-nikolaos

    Weit über 2000 Gläubige fanden sich zur Karfreitagsfeier ein Ereignis mit besonderer Liturgie und Ritualen dar. Vor dem Altar steht an diesem Tag zunächst das Kreuz Jesu, aber ohne Jesusfigur, die bereits am Vorabend abgenommen wird. In Liedern und Psalmen wird die Leidensgeschichte von Jesu und der Kreuzigung erzählt. Der Höhepunkt der Feierlichkeit dreht sich jedoch um die symbolische Totenbahre, die das Grab Jesu symbolisiert und auf Griechisch Epitaphios (ἐπιτάφιος) genannt wird. Die Gläubigen gehen unter dem Grabtisch hindurch, nicht ohne zuvor die Ikone darauf geküsst zu haben. Am Abend kommt dann der Priester zum Epitaphios und führt die Prozession in Gedenken an die Leiden Jesu an.

    Diesen Abend zu erleben bedeutet Karfreitag mit allen Sinnen zu empfinden und zusammen mit vielen anderen Menschen die Leidensgeschichte Jesu Christi nachzuempfinden und gemeinsam zu trauern. Es sind Riten und Lieder, die sich von all dem abheben, was Besucher evangelischer oder katholischer Gottesdienste gewohnt sind und es wird deutlich, dass die vielfältige Welt des Christentums mittlerweile auch in Deutschland ihren Platz gefunden hat – und das ist auch gut so.

    „Christ under the rubble“ war der Titel, die Dr. Munther Isaaq, damaliger Pastor der lutherischen Gemeinde zu Bethlehem, seiner Weihnachtspredigt im Dezember 2023 unter dem Eindruck der auf Gaza fallenden Bomben gab. Zu Ostern 2026 könnte man diesen Titel leider nicht nur wiederholen, sondern ihn sogar noch ausweiten: Nicht nur Gaza liegt in Trümmern, sondern auch große Teile des Südlibanon und auch im Iran suchen Angehörige ihre Liebsten unter den Überresten ihrer Häuser. Im Westjordanland werden palästinensische Einwohner von ihren Ländern vertrieben und ihr Eigentum beschlagnahmt oder zerstört. In Jerusalem sind die Straßen, die sonst zu Ostern voller Pilger sind, so gut wie leer. Kardinal Pizzaballa sagte in seiner Osteransprache, dass man in Jerusalem ein sehr „anderes und merkwürdiges“ (different and strange) Ostern erlebe, das ohne Zusammenkünfte und Menschen stattfinde. Es sei daher sehr schwierig, die Atmosphäre von Ostern zu spüren, die eigentlich voller Freude und feierlich sei. Im nicht weit von Jerusalem liegenden Gaza verbleiben noch etwa 1.000 Christinnen und Christen, die bereits das dritte Jahr in Folge Ostern in Trümmern feiern. Strom, Wasser und Lebensmittel, einschließlich Eier, die Teil der traditionellen Osterfeierlichkeiten sind, sind dort knapp. Zudem besuchen weniger Gläubige als üblich den Ostergottesdienst der katholischen Kirche in Gaza, weil auch Gemeindemitglieder aus Gaza geflohen sind (vgl. ‘Refuse to celebrate’: Christians in Gaza mark sombre Easter amid genocide | Israel-Palestine conflict | Al Jazeera).

    Auch im Libanon feiern die Christinnen und Christen des Landes, insbesondere im von Israel bombardierten Süden, Ostern dieses Jahr „mit einem bitteren Geschmack“, wie es in einem Beitrag des Sender France24 heißt (Libanon: In der Stadt Tyrus begehen Christen Ostern in einer Geisterstadt – France 24). Für die, die noch in ihren Heimatorten geblieben sind, ist es ein Ostern in Angst und oft auch mit weniger festlichen Mahlzeiten. Für andere ist es ein Ostern ohne Heimat, weil sie durch den Krieg vertrieben wurden.

    Und so fällt das Osterfest in diesem Jahr in der Wiege des Christentums und für die dortigen Christinnen und Christen düster aus. Doch ist Ostern eben ein Fest, in das sich die Dramatik aus Verrat, Niedergang, Tod und Hoffnung durch Wiederauferstehung in einer engen Abfolge verdichtet und so rufen auch die Kirchenvertreter der Region dazu auf, die Hoffnung auch im Angesicht der durchaus bedrohlichen Lage nicht aufzugeben. Auch der Papst nahm in seinem Ostersegen Urbi et Orbi die Eskalation im Nahen und Mittleren Osten auf und appellierte eindringlich an die Verantwortlichen Mächte:

    „Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“ )Urbi et Orbi: „Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder!“ – Vatican News)

    Und so bleibt nur die Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft – wann die Zeit und der Mensch dafür auch reif sein mag.

    Zugang zur Grabeskirche für den Patriarchen von Jerusalem durch israelische Behörden verweigert

    Der letzte Beitrag zur Bestandsaufnahme der Lage für Christen im Nahen und Mittleren Osten war gerade veröffentlicht, da überschlugen sich die Meldungen zur Verweigerung des Zugangs zur Grabeskirche für den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, sowie dem Kustos des Heiligen Landes, P. Francesco Ielpo. Der Vorfall, der historisch einmalig ist, hatte international für große Empörung gesorgt. Der wachsende Druck aus dem Ausland führte letztlich dazu, dass der israelische Präsident Herzog sich entschuldigen musste. Doch die Aussperrung der beiden hohen Kirchenvertreter von der Grabeskirche an einem so wichtigen christlichen Feiertag und damit die manifeste Dominanzbezeugung der israelischen Regierung über die Heiligtümer anderer Religionen sind geschehen und lassen sich nicht ohne weiteres „Rückgängig“ machen. Sie reihen sich zudem ein in weitere ähnliche Vorgänge. Bereits in den letzten Jahren war es nicht nur zu Einschränkungen für christliche Prozessionen und Feiern im Rahmen der Osterfeierlichkeiten in Jerusalem gekommen, sondern auch zu tätlichen Angriffen der israelischen Polizei auf die Gläubigen. Theodosios Hanna, Erzbischof von Sebastia für das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem, sagte in einem TV-Interview mit dem Senderr al-Mamlaka, dass die Maßnahme der israelischen Autoritäten sich in eine Systematik einreihe, die zum Ziel habe, „Jerusalem zu verändern und christlichen, islamischen und palästinensischen Spuren der Heiligen Stadt zu marginalisieren.“ (al-Mamlaka TV, 30.03.2026). Hanna breitet im Sinne dieser Argumentation eine Spanne von der Schließung der al-Aqsa-Moschee, die zum Ende des Ramadan das erste Mal seit dem sechs-Tage-Krieg von 1967 von israelischen Behörden geschlossen wurde (‘The saddest day for Muslim worshippers in Jerusalem’: al-Aqsa mosque closed at Eid | Eid al-Fitr | The Guardian). Auch hier wurde der Zugang zu einem Heiligtum „aus Sicherheitsgründen“ untersagt, so dass die Gläubige gezwungen waren, das Gebet zum Eid al-Fitr (Ende des Fastenmonats Ramadan) außerhalb der Moschee im Freien abzuhalten. Die internationale Staatengemeinschaft hielt sich damals mit Kritik an Israel zurück, während insbesondere die westlichen Staaten vor dem Hintergrund der Ausschließung des Kardinals und des Kustos des Heiligen Lands nun ihre Empörung zum Teil auch vehement zum Ausdruck brachten. Doch der griechisch-orthodoxe Erzbischof Theodosios Hanna hat die Verbindung der zwei Schritte – Schließung der al-Aqsa Moschee und der Grabeskirche – in einem Zusammenhang gebracht und deutet diese Maßnahmen als einen Plan der gegenwärtigen israelischen Regierung, Islam und Christentum sukzessive aus Jerusalem heraus zu drängen, was sich in die Politik der Regierung Netanjahu und des ethno-jüdischen Staats- und Gesellschaftsverständnisses der rechten Parteien Israels einfügen würde.

    In dem letzten Beitrag schrieb ich u.a. über die bedrohten Christen im Westjordanland. Leider ist festzuhalten, dass diese Bedrohung nun auch nicht nur für Christen in Jerusalem, sondern gleichermaßen auch für die dort ansässigen Heiligtümer gilt. Und das ist wahrlich alarmierend und bedarf einer verstärkten Aufmerksamkeit der Kirchen und der Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft.

    Latin Patriarchate of Jerusalem – Joint Press Release: Holy Monday, 30 March 2026

    Liebe Leserinnen und Leser,

    es hat länger gedauert, bis ich in 2026 wieder Zeit gefunden habe, auf diesem Blog zu schreiben. Unter anderem hatte dies auch mit der erheblichen Dynamik der Weltlage ab Februar 2026 durch die Angriffe Israels und der USA auf den Iran sowie auf den Libanon und die massive Ausweitung der israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland zu tun. Dies alles zu verfolgen und einzuordnen hat Zeit gekostet, die mich davon abhielten weiter zu veröffentlichen.

    Ich wünschte, ich könnte mich mit guten Meldungen zum Dialog und zum Austausch der Religionen melden, aber die Lage im Nahen und Mittleren Osten hat sich im Vergleich zum letzten Jahr leider noch weiter verschlechtert. Ich werde versuchen, dies zumindest für Israel, Palästina, Libanon und Syrien in Bezug auf die dort lebenden Christen zu skizzieren:

    Fangen wir mit Israel und den besetzten Gebieten im Westjordanland an: Bereits in einem früheren Beitrag im Herbst letzten Jahres hatte ich über die Gewalt von israelischen Siedlern gegen die palästinensischen Einwohner des christlichen Orts Taybeh berichtet. Seit damals hat sich die Situation weiter verschlechtert. Zuletzt gab es regelrechte Pogrome gegen die indigenen Einwohner des Landes durch radikale Siedler, die ihre Siedlungen – geschützt durch das israelische Militär – immer weiter ausdehnen, neue Straßen bauen, Vieh sowie Hab und Gut der lokalen Bevölkerung stehlen oder auch mit Gewalt rauben und illegal Land in ihren „Besitz“ nehmen. Der Pastor Bashar Fawadleh sagte hierzu in einem Statement: Wir haben das Gefühl, alles zu verlieren“, sagte Pater Fawadleh. „Wir verlieren unser Land, wir verlieren unsere Früchte, wir verlieren unser Einkommen. … Aber wer kann sie aufhalten? Das erzeugt Angst in den Herzen der Menschen.“ (West Bank Christian village terrorized by settler violence)

    Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der lateinische Patriarch von Jerusalem, sagte auf einem Webinar der International Oasis Foundation : „Die Lage verschlechtert sich ständig: Fast jeden Tag gibt es Angriffe von Siedlern auf palästinensische Dörfer. Es gibt jetzt fast tausend Kontrollpunkte; Palästinenser haben immer noch Schwierigkeiten, sich zu bewegen, und die Genehmigungen wurden größtenteils aufgehoben.“ (ebd.)

    Auf einem Video der Nachrichtenagentur AP sind brennende palästinensische Häuser und ausgebrannte Autos zu sehen, die von Siedlern in Brand gesteckt wurden (Israeli settlers torch cars in Christian West Bank village, Palestinians say – YouTube).

    Die Lage für Christen aber auch Muslime im Westjordanland wird daher immer unerträglicher.

    Ebenso düster sieht es im Nachbarland Libanon aus: Mehrere christliche Dörfer im Süden Libanons wurden durch israelischen Beschuss verwüstet und Einwohner getötet. Ein besonders prominenter Fall ist dabei der von Pater Pierre El Rai, einem maronitischen Priester aus der maronitischen Diözese Tyros (ACN bittet um Gebete für den bei einem libanesischen Angriff getöteten Priester – Kirche in Not). In einem Video war Pater El Rai noch zu sehen, wie er vor einigen Männern des Dorfes stehend sagte, er und die anderen Einwohner werden das Dorf auch im Angesicht von Drohungen und Krieg nicht verlassen. Kurz darauf wurde das Dorf mehrfach bombardiert. Der Pater starb, als er versuchte, anderen zu helfen, die bereits durch einen Luftangriff Israels verletzt worden waren. Vatican News schreibt dazu:

    „Laut den Schilderungen von Pater Toufic gegenüber Radio Vatikan hatte ein erster Angriff ein Haus in der Nähe der Pfarrei von Qlayaa getroffen und einen Bewohner verletzt. „Pfarrer Pierre eilte zusammen mit Dutzenden jungen Männern herbei, um dem Verletzten zu helfen“, berichtet der Franziskaner. In diesem Moment erfolgte ein zweiter Luftschlag auf dasselbe Gebäude.“ (Libanon: Pfarrer Pierre El Raii stirbt bei Hilfseinsatz für Gemeindemitglied – Vatican News)

    Und auch in Syrien eskalierte zuletzt die Gewalt gegen Christen in der überwiegend christlichen Stadt Suqaylabiyah in der Provinz Hama. Dutzende Männer auf Motorrädern aus der nahegelegenen sunnitischen Stadt Qalaat al-Madiq haben dort Christen und deren Eigentum angriffen. „Wir durchlebten einen Zustand von Terror, Furcht und Panik“, sagte Liyan Dweir, dessen Bekleidungsgeschäft von Kugeln durchlöchert und schwere Schäden erlitt (Sectarian attacks erupt in Christian town in Syria after dispute | AP News). Dem Pogrom gegen die christliche Minderheit war ein Streit zwischen einem Mann aus Suqaylabiyah und einem aus Qalaat al-Madiq vorausgegangen. Es handelte sich demnach nicht um eine staatlich gelenkte Kampagne, sondern um einen Ausbrauch von interkonfessioneller Gewalt, die sich an einem weltlichen Disput entzündete. Regierungstruppen brachten Verstärkungen nach Suqaylabiyah, um die Gewalt zu beruhigen.

    Es gibt auch viel über die Lage im Iran und die dortigen Christen zu sagen, doch soll hierauf ein anderes Mal eingegangen werden. Für diesen Sonntag belasse ich es mit den – leider so deprimierenden – Berichten aus der Region, in der die abrahamitischen Religionen ihren Ursprung hatten und von wo aus sie sich verbreitet haben. Mögen die Toten Frieden bei ihrem Schöpfer finden und die Verletzten genesen. Mögen Kinder bald wieder ohne Angst vor Bomben auf den Straßen spielen und die Vertrieben in ihre Häuser zurückkehren können. Und möge dies mehr bleiben, als ein frommer Wunsch.

    Weihnachten steht nun vor der Tür. Für viele Menschen im Westen ist dies eine – oft stressige – Zeit des Konsums, ohne spirituellen Bezug. Doch für gläubige Christen ist es die Zeit, dem Heiland und Sohn Gottes zu gedenken und ihm zu begegnen.

    Es ist die Zeit der Hoffnung und des Lichts, das Jesus Christus selbst symbolisiert.

    Die Hoffnung auf Frieden steht dabei auch dieses Jahr im Mittelpunkt für Christen und Muslime in vielen Ländern, insbesondere aber im Libanon, im Westjordanland und in Gaza. In Bethlehem wurden erstmals seit Ausbruch des Gazakriegs vor zwei Jahren wieder öffentlich Feierlichkeiten begangen und der große Weihnachtsbaum auf dem Platz vor der Geburtskirche aufgestellt. Die Krippe mit dem Jesuskind auf Trümmern, die Pastor Munther Isaac vor zwei Jahren in der lutherischen Kirche in Bethlehem aufgestellt hatte, bleibt aber in Erinnerung an die Not lebenden Menschen in Gaza auch dieses Jahr stehen.

    In Gaza hat der lateinische Patriarch von Jerusalem Kardinal Pierbattista Pizzaballa die Gemeinde vor Ort besucht, um Segen und Trost zu spenden.

    Der Libanon durfte gar einen Besuch des Papstes erleben, der mit großer Begeisterung – von Christen, aber auch Muslimen – empfangen wurde. Auch sein Besuch stand im Zeichen von Hoffnung auf Frieden und eine sichere Zukunft.

    In Deutschland haben wir deutlich weniger existenzielle Ängste, als die Menschen in Gaza oder anderswo im Nahen Osten. Und dennoch gibt es auch hier ernste Sorgen, Nöte, Ängste und insbesondere Einsamkeit.

    Und so wünsche ich nun allen Menschen, gleich, wo sie wohnen oder welchem Glauben sie angehören, dass Weihnachten ihnen das Licht der Hoffnung bringt und sie Trost, Geborgenheit und Sicherheit finden.

    Mit diesen Wünschen verabschiede ich mich nun in die Weihnachtspause und sehe dem vor und liegenden Jahr gespannt entgegen.

    Die „Schottenkirche“ in Regensburg

    Nach seiner ersten viertägigen Station in der Türkei besuchte Papst Leo XIV. den Libanon. Der dreitägige Besuch dort wurde von den Menschen vor Ort, von Christen aber auch Muslimen, mit großer Begeisterung vorbereitet und begleitet. Überall an der Fahrtstrecke des Papstes säumten Menschen und Fahnen (vatikanisch und libanesisch) seine Wege. In der Hauptstadt Beirut hingen zum Teil riesige Plakate mit dem Bild von Leo XIV. von den Häusern. Eine derartige nationale Euphorie hatte es in der Türkei, wo kemalistische und rechtsradikale Nationalisten gegen den Papstbesuch hetzten, nicht gegeben und es wird sie wohl auch in kaum einem anderen Land in dieser Form geben, derer wir nun Zeuge wurden.

    Woher rührt die Begeisterung? Sie ist wohl nicht alleine aus dem Umstand erklärbar, dass die maronitischen Christen Teil der katholischen Kirche sind und entsprechend erwartungsvoll den Besuch ihres Kirchenoberhaupts erwartet haben. Nein, auch Angehörige anderer christlicher Kirchen waren vom „Papstfieber“ angesteckt, wie es auch nicht wenige Muslime waren, die den Besuch des „baba“, wie der Papst auf Arabisch heißt, feierten. Die Begeisterung war also nicht nur konfessions- sondern religionsübergreifend.

    Rechte: KNA/Vatican Media/Romano Siciliani. Der Papst beim ökumenischen und interreligiösen Treffen in Beirut.

    Sogar die schiitisch-libanesische „Partei Gottes“ (Hizbullah) hieß den Papst in einer offiziellen Mitteilung des Parteiführers Naim Qassim sowie mittels eines an die päpstliche Botschaft übergebenen Briefs willkommen und begrüßte seine Reise in den Libanon und sprach ihn in dieser mit „Eure Heiligkeit, der höchste Pontifex der katholischen Kirche der Welt“.

    Quelle: Hezbollah message to Pope Leo rejects Israeli aggression, affirms sovereignty and coexistence – Tehran Times

    Der Besuch Leo XIV. weckte also sowohl bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen als auch bei den diversen politischen Akteuren des Landes große Erwartungen, unter anderem auch an die Lösung weltlicher Konflikte. Diese große Hoffnung, die fast schon den Charakter einer Erlöserhoffnung einnahm, ist auf folgende Faktoren zurückzuführen, die den Libanon in den letzten Jahren geprägt haben:

    1. Wirtschaftskrise: „Der Libanon befindet sich seit 2019 in einem langanhaltenden wirtschaftlichen Zusammenbruch, der von Hyperinflation, einem zusammengebrochenen Bankensektor und stark steigenden Armutsraten geprägt ist. Das libanesische Pfund hat über 90 % seines Wertes verloren, was die Kaufkraft drastisch verringert und zu weitreichenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten führt. Ein Mangel an Devisenreserven hat die Importe lahmgelegt und zu Mangel an Treibstoff, Medikamenten und Lebensmitteln geführt.“ Libanonische Wirtschaft: BIP, Inflation, VPI & Zinssätze – FocusEconomics
    2. Politische Krise und staatliche Dysfunktion: Die politische Krise im Libanon resultiert vor allem aus einem zutiefst fragmentierten politischen System, das auf konfessioneller Machtteilung basiert und dadurch Reformen blockiert. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich von der politischen Elite nicht vertreten, weil diese oft entlang familiärer oder religiöser Loyalitäten agiert statt im Interesse der Gesamtbevölkerung. Die anhaltende Instabilität wird durch wirtschaftliche Not, Korruption und fehlende staatliche Dienstleistungen weiter verschärft. Dadurch wächst der Druck der Bevölkerung auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen im politischen System.
    3. Latenter Kriegszustand mit Israel: Israel hat bereits diverse Kriege gegen den Libanon geführt und dabei immer wieder große Teile der Infrastruktur und auch des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung zerstört. Zuletzt führte Israel eine militärische Kampagne durch, die sich von 2023 bis 2024 erstreckte und offiziell dem Ziel diente, die Strukturen der Hezbollah zu zerstören. Allerdings gerieten dabei immer wieder auch Zivilisten in das Visier der israelischen Armee und viele Wohngebäude wurden von der israelischen Armee zerstört und Unbeteiligte getötet (ca. 4.000) oder von ihrem Landbesitz vertrieben. Auch christliche Dörfer im Süden wurden dabei Ziel der israelischen Bombardierungen. Containing Domestic Tensions in War-hit Lebanon | International Crisis Group

    Die Reise wurde mit einer Messe in Beirut beschlossen, an der 150.000 Menschen teilnahmen.

    Wie geht es nun weiter nach dem Besuch? Niemand wird wohl glauben, dass durch einen Besuch die vielen innenpolitischen Probleme des Libanon gelöst oder gar der Konflikt mit Israel beendet werden kann. Aber gerade in Zeiten tiefer Krisen setzte die Visite ein Zeichen der Hoffnung und des Glaubens daran, nicht von der Welt vergessen worden zu sein. Das Schicksal des Libanons und seiner Menschen darf weder Christen noch Muslime gleichgültig sein. Der Libanon ist ein Ursprungsland des Christentums und ein Land der Koexistenz verschiedener Religionen und Konfessionen.

    Frieden und Stabilität für den Libanon dürfen nicht nur ein frommer Wunsch sein sondern sie müssen durch eine aktive Friedenspolitik geformt werden. Papst Leo erinnert mit seinem Besuch hieran und teilt der Welt mit, den Libanon nicht zu vergessen sondern den Menschen dort zu im besten christlichen Sinne beizustehen.

    Und so ließ sich auch der Papst selbst von der ihm entgegen gebrachten positiven Energie mitreißen und rief der versammelten Jugend zu:

    „Lasst die Welt in Hoffnung erblühen“

    Beobachter sahen gar die „Entfesselung als Papst“, die durch die Reise ausgelöst wurde, der nun zurückkehre als „Papst, der im Libanon zu einer neuen, kraftvollen Rolle gefunden hat.“ Vgl. https://katholisch.de/artikel/66083-lasst-welt-in-hoffnung-erbluehen-papst-findet-in-libanon-seine-rolle

    Für einen Bericht in einem deutschen säkularen Medium zum Papst-Besuch möchte ich noch den folgenden Artikel empfehlen:

    https://taz.de/Papstbesuch-im-Libanon/!6134794/

    Der Besuch des Papstes im türkischen Iznik in diesen Tagen macht weltweit Schlagzeilen, führte seine erste Auslandsreise Leo XIV. ausgerechnet in ein Land, das zumeist als tief islamisch geprägt gilt. Doch hat die Türkei eben auch ein altes christliches Erbe vorzuweisen, welches bis heute wirkt. Dort, wo heute die Stadt Iznik liegt, fand vor 1700 Jahren das wohl wichtigste und richtungsweisendste theologische Treffen der frühen Kirchengeschichte statt: Das Konzil von Nizäa.

    Das Konzil von Nizäa wurde im Jahr 325 vom römischen Kaiser Konstantin einberufen, um die andauernden Streitigkeiten innerhalb des jungen Christentums zu theologischen Fragen zu beenden und gemeinsame Grundlagen der Religion und Kirche zu finden und zu beschließen. Im Zentrum der – teils erbittert geführten – Diskussionen stand insbesondere die Frage nach dem theologischen Verständnis von Jesus Christus als Sohn Gottes. Auf dem Konzil von Nizäa wurden die Weichen für das heute weitgehend bekannte Konzept der Trinität geschaffen, also die Wesenseinheit Gottes im Vater, Sohn und Heiligen Geist. Als ein überliefertes Ergebnis, in dem sich die damals gefundenen theologischen Dogmen niedergeschlagen haben, ist Nicäno-Konstantinopolitanum oder Großes Glaubensbekenntnis genannt, bekannt.

    Ausgrabungen des antiken Nizäa, Iznik, Quelle: Archäologe Kopp skizziert Bedeutung von Nizäa für die Christenheit | DOMRADIO.DE

    Ein bis heute bekannter Teilnehmer war übrigens der Bischof von Myra, einer Stadt in der Südtürkei, den wir bis heute als „Nikolaus“ kennen und alljährlich am 6. Dezember ehren.

    Papst Leo XIV. nutzte ein ökumenisches Treffen am 28. November, um an dieses Konzil und die damals getroffenen Vereinbarungen und Grundsätze anzuknüpfen und hieraus eine wichtige aktuelle Botschaft abzuleiten. In seiner Rede unterstrich er die Bedeutung der Einheit aller Christen, ging aber hierüber hinaus und rief auch zur Einheit mit allen Menschen, unabhängig ihrer Religion und Herkunft auf.

    Im Wortlaut sagte der Papst:

    „Es gibt eine universale Geschwisterlichkeit, unabhängig von Ethnie, Nationalität, Religion oder Meinung. Die Religionen sind von Natur aus Hüter dieser Wahrheit und sollten die einzelnen Personen, Gruppen von Menschen und Völker dazu ermutigen, sie anzuerkennen und zu praktizieren (vgl. Ansprache beim Gebetstreffen für den Frieden, 28. Oktober 2025). Das Heranziehen von Religion, um Krieg und Gewalt zu rechtfertigen, muss, wie jede Form von Fundamentalismus und Fanatismus, entschieden abgelehnt werden, während die Wege, die wir einzuschlagen haben, jene der geschwisterlichen Begegnung, des Dialogs und der Zusammenarbeit sind.“

    Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-11/wortlaut-iznik-leo-xiv-oekumene-konzil-nizaea-tuerkei-glaube.html

    Quelle: VaticanMedia

    Es ist sicher eine Aufwertung für die Christen in der Türkei, dass der sich Papst für seine erste Reise die Türkei ausgesucht hat und es ist ein gutes Zeichen für alle Christen, dass damit ein weiterer Schritt der Annäherung zwischen orientalischer und westlicher Kirche getan wurde. Die Worte des Papstes waren sicher sorgfältig gewählt, um die erste Brücke, über die man nun gemeinsam geht, zu festigen und zu erweitern. Nach dem Besuch des Patriarchen von Antiochien im türkischen Tur Abdin Ende August 2025 ist dies nun als ein weiteres Zeichen zu werten, dass die Christen in der Türkei ein neues Selbstbewusstsein pflegen und in westlicher wie östlicher Kirche eine Art Wiederentdeckung ihrer Glaubensgeschwister stattfinden könnte.

    In der katholischen und evangelischen Tradition ist das Fasten vor Weihnachten mittlerweile nicht oder kaum noch bekannt. Stattdessen wird in den westlichen Kirchen eine rein geistige Einkehr und spirituelle Besinnung praktiziert. Gefastet wird hingegen in Vorbereitung auf die Osterzeit.

    Doch das ursprüngliche Christentum kannte das Fasten vor Weihnachten und diese Tradition wird bis heute von der byzantinischen Kirche bewahrt und gelebt. Die Fastenzeit, die auch als Philippus-Fasten bekannt ist, dauert – wie auch das Fasten vor Ostern – 40 Tage und beginnt am 15. November. Es wird auf Fleisch, Milchprodukte, Eier und andere tierische Produkte verzichtet. Fisch ist lediglich an bestimmten Tagen erlaubt. 

    Das Fasten soll die innere Einkehr auch physisch begleiten und durch die Abkehr von übermäßigen Genuss den Geist für die kommende Ankunft Jesus Christus öffnen.

    Und so könnte es auch für den ein oder anderen Christen katholischer oder evangelischer Prägung eine durchaus interessante Erfahrung darstellen, sich dieser selbst auferlegten asketischen Schranken zu unterwerfen und die Weihnachtszeit nicht als Zeit der Völlerei und des süßen und herzhaften Genusses zu begreifen, sondern als Zeit der Abkehr von weltlichen Einflüssen und der Konzentration auf Spiritualität und Geistlichkeit. Und so kann das Fasten gerade in einer Welt, die von Konsum und Hedonismus geprägt ist, einen spirituellen Gegenwert leisten, der den Leib, den Geist und die Seele auf die Weihnachtszeit ganz anders vorbereiten kann, als Glühwein, Bratwurst und kandierte Früchte.

    Quelle: eastern_christians (Instagram)

    1869 wurde im türkischen Mardin, dem damaligen Sitz sowohl der syrisch-katholischen Kirche als auch des syrisch-orthodoxen Patriarchen, der spätere Bischof Ignatius Maloyan als Choukrallah (Dank Gottes) geboren. Mit 14 Jahren ging er an das Priesterseminar im Libanon, wo er 1896 zum Priester geweiht wurde und fortan den Namen Ignatius trug.

    Nach Wirken in Alexandria und Kairo, wurde Ignatius 1911 zum Erzbischof von Mardin gewählt.

    Trotz guter Kontakte zu Vertretern des Osmanischen Staats geriet er in die Wirren des 1. Weltkriegs und ins Visier des Hauptkommissars der Polizei von Mardin, der ihn später vor die Wahl stellen sollte, zu konvertieren und sein Leben zu retten oder aber zu sterben.

    Ignatius schwor der Religion und Christus nicht ab und wurde letztlich nach Folter und Gewalt 1915 vom Hauptkommissar getötet.

    Bereits 2001 sprach Papst Johannes Paul II. Ignatius als Märtyrer selig. Nun wurde er am 19. Oktober von Papst Leo XIV. heilig gesprochen. Sein Leben soll als Vorbild für Standhaftigkeit im Glauben im Angesicht des „Großen Bösen“ (great evil), wie der Genozid an den armenischen, syrischen und griechischen Christen in der Türkei zwischen 1894 und 1923 genannt wird, und des Todes dienen.

    In diesem Blog möchte ich bei Gelegenheit auch über positive Beispiele für Koexistenz und Kooperationen zwischen Christen und Muslimen in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften berichten. Solche Beispiele gibt es und sogar mehr, als man vielleicht denken man, auch wenn einige Autor*innen durch ihre Themenauswahl und Schwerpunktsetzungen in Publikationen zur Situation von Christen im Nahen und Mittleren Osten einen anderen Eindruck vermitteln mögen. Richtig ist, dass Christen im Nahen und Mittleren Osten immer wieder auch unter Druck geraten. Teilweise durch islamistische Kräfte und Terroristen, aber teilweise auch – wie die jüngsten Ereignisse in Gaza, Westjordanland und auch in Libanon zeigen – durch israelische Militär- und Siedlungsmaßnahmen. In der Zeit der Sowjetunion hingegen leideten Muslime und Christen in den Ostblockstaaten gleichermaßen unter der strikten antireligiösen Haltung des Stalinismus.

    Teilweise ergeben sich dann wiederum erstaunliche Konstellationen, bei denen die herrschende islamische Partei AKP sich als besserer Kooperationspartner für Christen im Land herausstellt, als die „laizistischen“ Vorgänger, wie zuletzt der Bericht über Tur Abdin in der Türkei zeigte. Eine simplifizierende schwarz-weiß-Sicht auf die Situation des Christentums in muslimischen Mehrheitsgesellschaften wird den vielschichtigen Lebensumständen eben nicht gerecht. Daher ist es ein Anliegen des Blogs, sich zuweilen von dem problemorientierten Blick zu lösen und nach positiven Beispielen für das Zusammenleben zu suchen.

    Eine Geschichte, über die ich über das Nachrichtenportal balkaninsight.com aufmerksam wurde, spielt sich in Albanien ab. Ja, auch Albanien gehört zu den mehrheitlich muslimischen Ländern und durch die Geschichte als Teil des Osmanischen Reiches – immerhin über 400 Jahre – ist das Land sowohl europäisch als auch muslimisch geprägt, ähnlich wie Bosnien.

    Heute stellen Christen in Albanien einen Anteil von etwa 17%, davon 10% Katholiken und 7% Albanisch-Orthodoxe. Im Nordosten des Landes liegt die Region Debir, wo die Anzahl der Christen heute verschwindend gering ist. Kirchen aus der byzantinischen Ära (3. bis 15. Jhd.), die dann auch während der folgenden Osmanischen Herrschaft Bestand hielten, zeugen von der jahrhundertealten christlichen Tradition und auch vom Zusammenleben von Christen mit einer später mehrheitlich muslimischen Bevölkerung. Die Kirchen wurden von den Dorfbewohnern gemeinsam vor dem Verfall bewahrt, von Christen und Muslimen gemeinsam. Teilweise wurden auch gemeinsame Feste in den Kirchen begangen. Hätte es diesen Zusammenhalt nicht gegeben, würden diese Zeugnisse des frühen Christenstums in der Region heute nicht mehr Bestand haben. Muslime und Christen konnten vielerorts im Osmanischen Reich friedlich nebeneinander und beieinander wohnen, arbeiten und leben. Zum Teil, und das zeigt das Beispiel Debir, ist es gelungen, diese friedliche Koexistenz bis in die heutigen Tage zu erhalten.

    Für eine tiefergehende Befassung mit dem Thema Christentum in Albanien empfehle ich den Sammelband „Religion und Kultur im albanischsprachigen Südosteuropa“, Hrgs. J. O. Schmitt, 2010.

    Die Geschichte auf Balkan Insight findet ihr hier: In Albania, Christians and Muslims Unite to Protect Religious Heritage | Balkan Insight